Containerschule Mitte ist eine “optische Zumutung”

Drei bis fünf Jahre Interim betrifft mindestens eine ganze Grundschulgeneration

In der Eitingonstraße wähnt man sich seit kurzem vor einem gigantischen Baucontainer, es ist aber die neue Grundschule Mitte. Und an diesem äußeren Zustand des Interimgebäudes wird sich, nach Auskunft des Schulverwaltungsamts, auch nichts mehr ändern. „Unserer Fraktion wurde beim Beschluss über die Containerlösung ein anderes Bild vermittelt. Es gibt ja auch verkleidete und gestaltete Container-Fassaden. Gemietete Containerbauten werden aber nicht in bunt gestellt, wie sich jetzt herausstellt.“ stellt Stadträtin Katharina Krefft fest. Diese Standardcontainer haben zudem sehr kleine Fenster und in einer für Kinder untauglichen Höhe. Zudem erscheinen die Außentüren als gefährlich eng und ungeeignet um pausenfrohe Kinder durchzulassen. Wir fragen uns, ob diese Fragen ausreichend bedacht worden sind. Bis zum Schulanfang für ca. 60 neue Grundschulkinder in dieser Schule wird mit Hochdruck nun noch das Außengelände ausgestaltet. Heute war noch Wüstenei. Der Rollrasen soll noch anwachsen und verschiedene Spielgeräte werden noch aufgestellt. Auch wenn das Amt das Ergebnis in der zeitlichen Umsetzung als Wunder bezeichnet, so ist es doch eigentlich Verwaltungsversagen bestehenden gewesen, Grundschulen im beizeiten Schulbezirk der Überlastung der entgegenzutreten und Lösungen zu bringen.
Lehrerschaft und Kinder der neuen Grundschule Mitte werden den Container mit Leben füllen und sicherlich mit viel Phantasie ihrer Schule einen sympathischen Anstrich zu geben wissen. Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen versteht es allerdings als das mindeste Entgegenkommen, dass das Schulverwaltungsamt der Grundschule noch Finanzen bereitstellt, damit etwas Variables außen schmückend angebracht werden kann (z. B. große Sonnensegel zur Straße hin (keine Wimpel!) oder 28.07.2010  Holzelemente). Katharina Krefft weiter: „Bedeutender als das Gebäude ist sicherlich auch viel mehr das, was in der Grundschule Mitte pädagogisch erlebbar und vermittelt wird. Es ist allen Kindern und ihren Familien dazu zu wünschen, dass sie sich mit dem unschönen Zustand nicht nur anfreunden, sondern auch Initiative ergreifen und Änderungen fordern und durchsetzen, so es noch geht. Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen wird diesen Prozess gerne begleiten.“ Bezüglich der Grundschule Mitte wird die Fraktion in der August-Sitzung des Stadtrats ihre Probleme und Fragen zum Gegenstand einer Anfrage machen.

Katharina Krefft
(schulpolitische Sprecherin der grünen Stadtratsfraktion)

Der lange Weg zu Freier Software

Der folgende Artikel ist Teil unserer unregelmäßigen Serie “Aus den Ländern” und kommt diesmal aus Sachsen.

Viele Grüne setzen sich inzwischen für die Förderung Freier Software ein, so wie es auch in den grünen Wahlprogrammen von 2009 für Bund und Länder geschrieben steht. Doch bisher, so scheint es, ist innerparteilich beim Einsatz Freier Software noch nicht genug geschehen.

Mein Ziel ist es – einerseits aus Überzeugung, andererseits zur Untermauerung unserer Glaubwürdigkeit – in unserer Partei die Nutzung von Freier Software voran zu bringen und möglichst viele der freien Anwendungen bei den sächsischen Grünen einzusetzen, oder sogar die Umstellung auf freie Betriebssysteme zu bewirken.

Aus diesem Grund habe ich als ersten Schritt am 20.07.10 im Kreisvorstand Leipzig den Antrag gestellt, das Open Document Format (ODF), in Verbindung mit der Freien Software OpenOffice, bis zum Jahresende als Standard für die interne Kommunikation im Kreisverband einzuführen.
Nach kurzer Diskussion wurde der Antrag einstimmig vom Vorstand angenommen.

Dieser Beschluss ist die Grundlage für einen unserer weiteren IT-politischen Schritte, wenn wir in einem Antrag an unsere Mitgliederversammlung im August unsere Stadtratsfraktion mit einem Prüfauftrag zur IT-Strategie der Stadt Leipzig beauftragen wollen. In diesem Antrag geht es darum zu klären, ob die Stadtverwaltung in ihrer IT- Strategie die Möglichkeit in Betracht gezogen hat, Einsparungen durch den Einsatz von Freier Software zu erzielen.

Unsere grüne Stadtratsfraktion in Leipzig soll auch herausarbeiten, ob eine Migration der gesamten Verwaltungssoftware zu Freier Software in der Stadtverwaltung – wie die Stadt München es mit ihrem Projekt „LiMux“ vorgemacht hat – als Perspektive in der IT-Planung der Stadtverwaltung denkbar ist.

Alle Vorstandsmitglieder und die Geschäftsführung des Kreisverbandes sind im Moment ehrlich bemüht die Umstellung auf die neue Software und das neue Dateiformat zu realisieren. Wir sind optimistisch, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird, bis die bisherige Word-Doc Routine durchbrochen ist.

Seit diesem Frühjahr läuft ein Rechner in unserer Geschäftsstelle unter Ubuntu-Linux – ein weiterer soll folgen. Alles in Allem haben wir damit im Leipziger Kreisverband einen wichtigen Schritt in Richtung Umstellung auf Freie Software, getan und sind in einer guten Position, wenn es darum geht, in einer nächsten Etappe die Nutzung Freier Software in den Landesverband zu tragen.

Um die von uns gesetzten Ziele zu erreichen – das wissen wir – liegt noch ein langer Weg vor uns. Wir sind optimistisch.

Jens Reichmann ist Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Netzpolitik der sächsischen Grünen. Kontakt zur LAG Netzpolitik könnt ihr hier aufnehmen.

 

Über den Umgang mit direkter Demokratie

Was wir aus dem Volksbegehren gegen die Schulreform in Hamburg lernen müssen

Volksbegehren und Volksentscheide sind für eine lebendige Demokratie unverzichtbar. Deshalb stehen wir Grünen auch mit ganzem Herzen hinter diesen unmittelbaren Beteiligungsformen der Bürger an politischen Entscheidungsprozessen. Ohne diese Möglichkeit bestünde die Gefahr, dass sich Politik mehr und mehr als unabhängige Instanz weit ab von der Realität der Bürger entwickelt. Natürlich ist auch die repräsentative Parteiendemokratie richtig und an vielen Stellen notwendig, eine Mitwirkung von Bürgern an konkreten Diskussionsprozessen zu Sachfragen kann dieser jedoch nur gut tun und sie bereichern. Insofern findet sich zum Beispiel in unserem Sächsischen Landtagswahlprogramm von 2009 die Forderung, das notwendige Zulassungsquorum von 450.000 Unterstützerunterschriften für ein Volksbegehren zu senken. Nur eine Demokratie, die unmittelbare Bürgerbeteiligung als erwünschte Mitwirkung fördert, nimmt sich selbst und den Bürger wirklich ernst.
Nun kann man Bürgerbeteiligung aber nicht nur gut finden, wenn sie den eigenen politischen Zielen entgegen kommt. Lange haben wir Grüne nur die Erfahrung gekannt, mit einer außerparlamentarischen Opposition gemeinsame Wege zu gehen. Das Beispiel des Hamburger Volksentscheides hat uns zum ersten Mal in größerem Rahmen erfahren lassen, wie es ist, auf der anderen Seite zu stehen. Nun ist wichtig, wie wir damit umgehen und was wir aus der Niederlage, und ja, es ist eine Niederlage, lernen.
Eine völlig falsche Reaktion wäre jetzt, mit dem Finger auf die bösen „Gucci-Eltern“ zu zeigen und zu erklären, dass diese unsere edlen Ziele nur nicht erkannt hätten oder jedenfalls nur auf den eigenen Vorteil bedacht seien. Das greift einerseits inhaltlich viel zu kurz und beschädigt andererseits, was noch viel problematischer ist, die so wichtigen Institute des Volksbegehrens und des Volksentscheides. Wir müssen dem Bürger vertrauen, ihn gegebenenfalls aufklären, bilden und zur direkten Demokratie befähigen und wir müssen das Ergebnis eines Volksentscheides zunächst einmal als das nehmen, was es ist: Der unmittelbarste Ausdruck des Wählerwillens zu einer konkreten Sachfrage.
Wichtig für uns Grüne sollten nun zwei Punkte sein: Auf der einen Seite müssen wir uns inhaltlich noch einmal verstärkt mit der Bildungspolitik auseinander setzen. Zum Anderen sollten wir auf Volksentscheide „gegen“ unsere Politik vorbereitet sein und Strategien entwickeln, wie wir es schaffen, unsere Ziele und Wege so zu erklären, dass am Ende die besseren Argumente gewinnen. Hier ist es vor allem wichtig, sich inhaltlich mit den Ängsten und Anliegen der Volksbegehren auseinander zu setzen. Die Initiatoren, die sich an einer lebendigen Demokratie beteiligen wollen, zu diskreditieren, dürfte hingegen kein zielführender Weg sein.
Nur ein paar Worte zur Schulpolitik: Die Geschichte der Schule liest sich als eine Geschichte der Schulreformen. Ständige Veränderungen am System verunsichern aber Schüler, Eltern und Lehrer. Hinzu kommt, dass Schulreformen auf Grund der Gesetzgebungskompetenzen nur auf Länderebene möglich sind. Dies führt zusätzlich zu Verunsicherung. So kann schnell der Eindruck entstehen, die Schüler eines Landes sollen als Versuchskaninchen für neue pädagogische Ideen herhalten, die Schülern in anderen Ländern erspart bleiben. Diese Stimmungslage muss ein guter Bildungspolitiker ernst nehmen und durch Aufklärung und Fakten Ängste ausräumen.
Schaut man auf das Beispiel Hamburg, darf man auch nicht übersehen, dass viele gute Elemente der Schulreform bestehen bleiben, dass also die Bürger durchaus differenzieren können. Lediglich gegen die Verlängerung der Grundschulzeit (Primarschule) hat sich der Volksentscheid ausgesprochen. Nun mag es teilweise so sein, dass diese Ablehnung ihren Hintergrund in Besitzstandwahrung und Angst vor der sogenannten Unterschicht hat. Initiatoren und Unterstützer des Volksbegehrens allein darauf zu reduzieren, greift jedoch zu kurz. Vielmehr fließen vielleicht auch Erfahrungen der Eltern mit der derzeitigen Grundschule mit ein. Erfahrungen von großen und sehr heterogenen Klassen, mangelnder Binnendifferenzierung, fehlender Förderung leistungsstarker Schüler, Klassensituationen, in denen Grundschullehrer mit Problemlagen bestimmter Schüler allein gelassen werden und mit diesen nicht fertig werden. Echte Binnendifferenzierung und die Integration leistungsstärkster oder verhaltensauffälliger Schüler braucht ausreichend Personal, gute Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehren sowie vor allem Aufmerksamkeit und Zeit. Welches Schild außen an der Schule hängt, ist hingegen vergleichsweise nebensächlich. Auch eine einfache Verlängerung der Grundschulzeit bei ähnlich schlechten Bedingungen kann keine Verbesserung bringen. Dass für die Reform dauerhaft auch ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden, damit diese wirklich ein Erfolg werden kann und Verbesserungen für alle Schüler bringt, hat der Wähler den Reformern vielleicht einfach nicht geglaubt. Eine vor dem Hintergrund der Erfahrung chronischer Unterfinanzierung des Bildungssektors nachvollziehbare Skepsis.
Natürlich ist das klare Bekenntnis zum längeren gemeinsamen Lernen richtig und wichtig. Die Umsetzung darf jedoch kein schlechter Kompromiss sein. Hier bleibt zu überlegen, ob man nicht die politische Kraft statt für Schulreformen auf Länderebene, die selbst erfolgreich umgesetzt immer nur Stückwerk bleiben können, vielmehr dafür verwenden sollte, endlich alles daran zu setzen, eine Rahmengesetzgebung des Bundes für die Bildungspolitik zu schaffen. Ein von vielen Eltern und Bürgern bevorzugter Weg wäre ein Rahmen durch den Bund und gleichzeitig mehr Freiheit für jede einzelne Schule, diesen auszufüllen. Es steht jedoch zu befürchten, dass der Anspruch auf die allein gültige Wahrheit in Bildungsfragen auf Länderebene weiterhin das von einer Mehrheit der Bürger als richtig Erkannte verhindern wird. Und hier schließt sich der Kreis, denn hier drängt sich die Erkenntnis auf, dass der Bürger vielleicht doch schlauer ist, als mancher (Landes)Politiker glauben möchte.

Stefanie Gruner
(Sprecherin Bündnis90/Die Grünen, KV Leipzig)

Atom-Alarm in Leipzig

Auch in Leipzig hieß es heute – „Atom Alarm“. Anlässlich der bevorstehenden Verhandlungen über die Verlängerung der Endlaufzeiten der Atommeiler, versammelten sich in Leipzig über 100 Teilnehmer vor dem Bürgerbüro des Bundestagsabgeordneten Dr. Thomas Feist von der CDU, um ihm ihre Forderungen deutlich zu machen und eine Petition zu überreichen.
Aufgerufen zu der Aktion hatte „Campact“ das Aktionsnetzwerk und beteiligt hatten sich viele Menschen aus der Leipziger Umweltszene. So waren unter den Teilnehmer Mitglieder vom BUND und Greenpeace ebenso vertreten, wie Mitglieder des Ökolöwen von Attac und den Grünen.
Mittels Rasseln, Tröten und Trommeln wurden die Passanten aufmerksam gemacht und zur Großdemonstration am 18.09.2010 in Berlin eingeladen. Viele Bürger zeigten Verständnis für die Aktion und brachten ebenfalls ihren Unmut über den Kurs der Schwarz-Gelben Bundesregierung zum Ausdruck.
Bemerkenswert war, dass auch der Bundestagsabgeordnete persönlich vor seinem Bürgerbüro erschien und offensiv das Gespräch, zum Thema Energiepolitik, mit den Aktionsteilnehmern suchte. Dabei muss anerkannt werden, dass Herr Dr. Feist eine, für einen CDU Abgeordneten, progressive Meinung hat, steht er doch der Kohleverstromung ausgesprochen negativ gegenüber. Herr Dr. Feist bewies, seine Fähigkeit mit dieser Situationen konstruktiv umzugehen, indem er auch die überreichte Petition wohlwollend entgegennahm.
Jetzt sollte Dr. Feist bei der Abstimmung über das Thema, Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken, gegen den Parteikurs der CDU und damit gegen eine Verlängerung der vereinbarten Laufzeit  der  – Hochrisikotechnologie – Atomkraft stimmen.

Grüne Bilder – CSD-DEMO & Straßenfest 2010

In Leipzig gibt es schon seit vielen Jahren einen CSD, der nicht nur Spaß macht, sondern vor allem in den Köpfen etwas bewegen will und dabei zu den Wurzeln der Lesben-/Schwulen und Transgenderbewegung geht, um möglichst wahrhaftig an den Stonewall-Aufruhr in der Christopher Street zu erinnern.

“Homophobie ist heilbar”, das Motto des Leipziger CSD ist unverändert aktuell und hat im letzten Jahr - auch überregional – viel Zuspruch erfahren. Das Motto ist Ausdruck unserer Überzeugung, dass Vorurteile abgebaut und Zivilcourage zur Verhinderung von Übergriffen und Diskriminierungen gefördert werden können.
Alle die uns hierbei unterstützen wollen, sind herzlichst eingeladen an unserer großen CSD-Demo teilzunehmen.

Homophobie ist heilbar – dazu braucht es alle!

von Norma Tiedemann  GRÜNE JUGEND Leipzig

Mit seinen heroischen Männlichkeitsidealen sitzen im Sport und gerade im Fußball die Vorurteile tief – gegen Frauen, Homosexuelle und alle, die das Klischee des eisenharten Siegertyps nicht erfüllen möchten oder können. Aus Angst vor dem Spott und der befürchteten Herabwürdigung durch TeamkollegInnen und Öffentlichkeit, trauen sich die meisten Betroffenen nicht mit der Wahrheit heraus – Outings sind also im (Profi)Fußball so gut wie nicht existent.

Was sich ändern müsste, um den Leidensdruck von den Betroffenen zu nehmen und Fußball endlich zu einer Angelegenheit zu machen, an der alle gleichberechtigt teilnehmen können, war Thema bei unsere Podiumsdiskussion im Neuen Rathaus am 12. Juli 2010 im Rahmen des diesjährigen CSD in Leipzig.

Mit rund 50 Interessierten und drei ExpertInnen gingen wir einen Tag nach dem Finale der Fußball-WM der Männer der Frage nach, welchen Stand die offiziellen Bemühungen bisher erreicht haben, wie tolerant unsere Gesellschaft inzwischen tatsächlich ist im Umgang mit Homosexualität und wie es weitergehen kann auf den unterschiedlichen Ebenen.

Tanja Walter-Ahrens, Dieter Bott und der Präsident des Leipziger Fußballverbandes Heiko Sander erörterten das Thema sowohl aus soziologischer Sicht, als auch im Hinblick auf die praktischen Implikationen.

Ein hoffnungsfroh stimmendes Resultat des Abends war zumindest die zunehmende Bereitschaft des DFB sich dem Thema zu widmen und an einer Lösung zu arbeiten. Auch wenn Dieter Bott einwarf, dass sich hinter diesem „Gutmenschentum“ lediglich das Schielen auf eine neue, kaufkräftige Zielgruppe verberge.

Der Wille, ob nun mit oder ohne fragwürdige Motivation, ist also vorhanden, nur bei der Umsetzung stolpern die Verantwortlichen noch über ihre Hilflosigkeit diesbezüglich und die scheinbar schwierige Kommunikation. Verbandsintern verabschieden die höchsten Stellen gerne mal Aktionsprogramme und Leitfäden – nur komme bei den Vereinen auf Landes-, Kreis- und Bezirksebene kaum etwas davon an, beklagte Heiko Sander. Er wisse nicht, wie er den SpielerInnen klar machen solle, dass sie von seiner Seite im Falle eines Outings volle Unterstützung erhielten, die Angst sei einfach zu groß.

Über die bloßen Formalia und nichtssagenden symbolischen Gesten muss es also endlich in einer aktiven Weise hinausgehen: Ein Aufgabenfeld in dem sich die Delegierte der European Gay and Lesbian Sport Federation Tanja Walther-Ahrens stark macht. Sie begrüßt die Beschlüsse, fordert aber von den Verbänden eine größere Offenheit für konkrete Projekte.

Ob auf dem Spielplatz oder in der Straßenbahn- auch im Alltag – mahnte Dieter Bott an, grassierten homophobe Sprüche schon bei den Kleinsten. Hier trägt das Verhalten jedes/jeder Einzelnen als rahmengebende Instanz für den sportlichen Wettkampf zu einem verständnisvolleren Umgang miteinander bei. Fußball kann eben nicht frei, offen und vielfältig sein, solange es die ihn umgebende Gesellschaft nicht ist.

In diesem Sinne hoffen wir, dass sich sowohl im Fußball als auch in den Köpfen weiterhin einiges bewegt und bedanken uns zudem bei unseren PodiumsteilnehmerInnen, dem Publikum, den MitorganisatorInnen und HelferInnen: Das Referat für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik und das Sportreferat des StudentInnenRates der Universität Leipzig in Kooperation mit dem Referat für Gleichstellung für Frau und Mann, die Stadt Leipzig sowie das Fussball Fanprojekt Leipzig.

„Google Streetview“ – die Privatisierung des öffentlichen Raums

Als vor einigen Monaten Autos mit Kameras alle Straßen in unserem Land und auch in Leipzig abfuhren und filmten, regte sich Widerstand gegen die Firma Google, die diese Daten sammel- te, um im Internet damit einen 3D-Stadt- plan zu erstellen. Leider werden dabei nicht nur Häuserfronten aufgenommen, sondern auch die Autos und Menschen, die sich gerade im Bild befinden.

Aus Datenschutzsicht ist das höchst gefährlich. Denn: Google verpixelt nur Gesichter und Nummernschilder. Dies lässt sich aber einerseits schnell wieder kenntlich machen, und andererseits kann man über Tattoos, Kleidung, Handtaschen, Koffer, Autos mit spezifischen Merkmalen usw. problemlos eine Person zufällig iden- tifizieren. An diesem Punkt werden sicher wieder einige sagen: Na und – ich habe nichts zu verbergen. Falsch: Jeder hat etwas zu verbergen! Wollen Sie, dass Ihr Vermieter zufällig erfährt, dass Sie zur Mietsrechtsberatung gehen, dass Ihr Arbeitgeber erfährt, dass Sie zu einem Arbeitsrechtsanwalt gehen oder zu einem Psychologen oder zu den Anonymen Alkoholikern oder zur Aidsberatung oder, oder, oder? Das ist aber nur die eine Seite. Die Häuserzu filmen ist auch nicht unumstritten. Bei Einfamilienhäusern lassen sich so Sicherheitslücken ausfindig machen und interessante Objekte ausspähen, und für Arbeitgeber wird es anhand der Adresse sehr einfach, den derzeitigen sozialen Status eines Bewerbers über die Hausansicht abzuschätzen. „Sag mir wo du wohnst, und ich sag dir, wie es dir gerade finanziell geht.“

Google betreibt mit Streetview nichts anderes, als eine Privatisierung des öf- fentlichen Raums und von grundrechtlich geschützten Daten und Informationen der Bundesbürger. Es kann nicht sein, dass ein Unternehmen im gesamten Bundesgebiet hochsensible Daten von Privatpersonen und Unternehmen zu kommerziellen Interessen sammelt, ohne in irgendeiner Weise hierüber Rechenschaft ablegen zu müssen. Es besteht die Gefahr, dass durch eine Verknüpfung der von Google erhobenen Daten mit weiteren Informationen umfangreiche Profilbildungen einzelner BürgerInnen möglich werden, ohne dass diese davon wissen oder darin eingewilligt hätten. Und die Ausspähung von W-LAN- Standorten für die Standortbestimmung von Handy- und Laptopbesitzern, die Google widerrechtlich durchführte, sei hier nur am Rande erwähnt.

Dies alles fand glücklicherweise auch die Bundesverbraucherschutzministerin bedenklich und forderte von Google Zugeständnisse, damit Google Streetview in der BRD überhaupt benutzt werden darf. Die Zugeständnisse sehen vor, dass jeder Bürger Widerspruch gegen die Verwendung der Bilder seines Hauses einlegen kann und Google diese Gebäude und Straßenzüge komplett schwärzt. Zusätzlich sind Sammelwidersprüche der Kommunen ebenfalls möglich.

Unsere Fraktion hat daher einen Antrag gestellt, der fordert: Die Stadt soll einen Sammelwiderspruch gegen Streetview einreichen. Dieser Widerspruch umfasst alle städtischen Liegenschaften, ausgenommen touristische Wahrzeichen, und möglichst auch alle Gebäude von freien Trägern, die von der Stadt finanziert wer- den. Weiterhin sollen die BürgerInnen über das Internet und über die Bürgerämter die Möglichkeit erhalten, sich dem städ tischen Widerspruch anzuschließen. Abschließend fordere ich alle Leser dieses Textes auf, auch selbst Widerspruch einzulegen, damit Privates auch privat bleibt und wir nicht gänzlich zum gläsernen Menschen werden.

Informationen zum Widerspruch beim zuständigen Ministerium >>hier

Präsentation mit Beispielen aus Google Streetview >>hier

Aus dem "Ratschlag" der Informationsschrift der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat Leipzig entnommen. Autor: Norman Volger

Party-Patriotismus ? – Ja. Aber. Nein.

Fanmeileberlin

Foto: Flickr SpreePIX-Berlin

Viel wird in diesen Tagen über den neuen Patriotismus geschrieben. Einen Party- Patriotismus, der das Land in Schwarz-Rot-Gold hüllt und angesichts des Sommers und der Erfolge der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in Südafrika die Sorgen vergessen lässt. Wie üblich profitieren davon die Regierenden: Das Missmanagement der Bundesregierung in den Bereichen Gesundheitspolitik, bei der Wahl des Bundespräsidenten oder bei den entscheidenden Fragen, wie angesichts einer Wirtschafts-, Finanz- und Klimakrise gerade auch die Kommunen in Deutschland vor dem finanziellen Ruin gerettet werden können, wird durch das Fußball-Großereignis in den Schatten gestellt. Es stellt sich also die Frage, ob nun schon wieder (wie 2006) das Land eine erneute Debatte über einen „Neuen Patriotismus“ benötigt wird oder ob es nicht sinnvoller wäre, die drängenden gesellschaftlichen Probleme mit Mut und sinnvollen Ideen anzupacken (was der derzeitigen Bundesregierung schlicht und ergreifend fehlt). Doch wie ist mit dem „Party-Patriotismus“ umzugehen?

Die Beiträge ossizilieren bei der beschriebenen Debatte zwischen einem neuen Wir-Gefühl und der dezidierten Ablehnung der Fußball-WM mit all ihren Begleiterscheinungen.
Es gibt nunmehr verschiedene Sichtweisen das Spektakel zu decodieren. Man könnte mit Sloterdijk fabulieren, dass es sich in Zeiten des Individualismus um die Sehnsucht nach einer Massenindentität handelt. Weniger philosophisch betrachtet wird in einigen Medien auch der unkomplizierte Umgang der Deutschen mit ihrem eigenen Land rezipiert. Hinterlegt wird das Ganze nun auch noch mit einem (zum wiederholten Male?) neuen Bild der Deutschen im Ausland (neue Leichtigkeit etc.).
Auf der anderen Seite wird diesem neuen nationalen Wir-Gefühl eine verbitterte Ablehnung zu Teil. Und zugegebenermaßen hat es etwas Verstörendes, wenn im Zuge des Sieges, Massen von Deutschen, gehüllt in „Schwarz-Rot-Geil“, die Straßen bevölkern und vor allem sich und irgendwie auch ihre Nation feiern.
Man muss nicht soweit gehen und hinter diesem Party-Patriotismus den  neuen Nationalismus vermuten und die damit einhergehende Abwertung von anderen Nationen und Gruppen. Auf der anderen Seite und das wird in der Debatte, die vor allem emotional betrieben wird, schnell deutlich, gibt es signifikante Hinweise darauf, dass es eben keinen Neuen Patriotismus gibt, sondern im neuen Gewand die alten Vorurteile stecken. So multikulturell wie sich die derzeitige deutsche Nationalmannschaft zusammensetzt – das muss man konstatieren – ist die Gesellschaft vor allem in ihren Köpfen beileibe noch nicht. Vielmehr werden in Zeiten der sozialen Kälte Vorurteile und innergesellschaftliche Abgrenzung zunehmend krasser. Das wird nach der Fußball-WM zu erheblicher Katerstimmung führen, wenn den Menschen bewusst wird, mit welchen immanenten Kürzungen sie gerade im Sozialbereich seitens der Regierungskoalition im Bund konfrontiert werden. Die Schere zwischen Arm und Reich wird sich noch weiter öffnen, als sie es eh schon ist.

Ist Nationalismus, selbst wenn er positiv konnotiert wäre, etwas positives (vor dem Hintergrund der angeblichen gesellschaftlichen Einigung während der Fußball-WM)? Angesichts des etymologischen Ursprungs des Wortes und der Historie, sowie dem Umstand dass es sich dabei letztlich nur um eine Gedankenkonstruktion handelt, wird man das bezweifeln müssen. Angesichts auch des Prozesses der europäischen Integration, wird man eher zur Ansicht gelangen, dass die Ära der Nationalstaaten zu Ende geht. Und das ist auch gut so.

Dennoch bleibt es unangemessen, jedweder Freude mit dezidierter Ablehnung entgegen zu treten.
Schließlich ist es ebenso möglich ein Fußballspiel als solches zu feiern. Mit der Freude über den Sieg der eigenen Mannschaft – und das muss nicht unbedingt die des eigenen Landes sein. Nur das übermäßige Zur-Schau-Stellen von Nationalsymbolen hat mitunter etwas Enervierendes und wird zu Recht von vielen auch als befremdlich wahrgenommen. Aber deswegen dem eigenen Land eine Ablehnung entgegenzubringen, ist gleichwohl kein reflektierter Umgang. Nicht jeder schließlich, der als Bekenntnis zur Mannschaft die entsprechenden Farben trägt, ist Verfechter des Nationalstaates oder möchte damit seinem Patriotismus Ausdruck verleihen. Manchmal ist es eben auch nur ein Spiel.

Am Ende kann konstatiert werden: Party ja, Patriotismus Nein.

Jürgen Kasek / Lorenz Bücklein

ELENA: von Brüderle vorerst gestoppt

Jetzt muss die FDP dem grünen Antrag auf Aussetzung des ELENA-Verfahrens zustimmen

Wir freuen uns, dass Bundeswirtschaftsminister Brüderle die Notwendigkeit erkannt hat, das vollkommen aus dem Ruder gelaufene ELENA-Verfahren auszusetzen und grundlegend zu überarbeiten – auch wenn dies mit der Begründung einer Kostenexplosion des Verfahren und nicht mit der offensichtlichen Unvereinbarkeit mit verfassungsrechtlichen Vorgaben geschieht.

Die GRÜNEN haben am 9.2.2010 den Antrag "ELENA aussetzen – Datenübermittlung strikt begrenzen" in den Bundestag eingebracht. Obwohl zwischenzeitlich auch die innenpolitische Sprecherin der FDP, Gisela Piltz, medienwirksam angekündigt hatte, ELENA kippen zu wollen, stimmte die FDP in den Ausschüssen des Bundestages geschlossen gegen die Aussetzung von ELENA.

Deshalb  wird die Bundestagsfraktion der GRÜNEN ihren Antrag unmittelbar nach der parlamentarischen Sommerpause des Bundestages zur zweiten und dritten Lesung aufsetzen und im Plenum beraten. Nach den jüngsten Ankündigungen bleibt der FDP keine Wahl: Diesmal muss sie ihren hehren Worten auch tatsächlich Taten folgen lassen und unserem Antrag zustimmen, es sei denn sie kommt im koalitionsinternen Wirrwarr plötzlich wieder einmal zu unlogischen Ergebnissen.

Der elektronische Entgeltnachweis ELENA hatte ursprünglich zum Ziel, Bürokratie abzubauen und Kosten zu senken. Erreicht hat er genau das Gegenteil: Die Kosten des Verfahrens sind explodiert. Zudem steht die Verfassungsmäßigkeit von ELENA stark in Frage. Vor diesem Hintergrund hat die Bürgerrechts- und Datenschutzorganisation FoeBuD Klage gegen ELENA in Karlsruhe eingereicht. Diese Klage wird von mehr als 22.000 Bürgerinnen und Bürgern unterstützt.

SWIFT-Abkommen-Reloaded

EU-Parlament gibt seinen Anspruch zu früh auf

Zur Abstimmung des Innenausschusses im EU-Parlament und der anstehenden Plenarabstimmung am Donnerstag über das so genannte SWIFT-Abkommen zur Weitergabe von Bankdaten an die USA erklärt der Grüne Innenexperte im Europaparlament, Jan Philipp Albrecht:

"Die Entscheidung der Konservativen, Sozialdemokraten und Liberalen für eine Zustimmung zum neuen SWIFT-Abkommen ist enttäuschend. Viel zu früh gibt das EU-Parlament damit seinen Anspruch auf, einen substanziell höheren Grundrechtsschutz auf internationaler Ebene zu verankern. Stattdessen schwenkt die EU nun auf das niedrige Niveau des US-Rechts ein, in dem die Generalüberwachung der richterlichen Verdachtsentscheidung vorgezogen und Rechtsschutz weniger durch unabhängige Richter als durch die ausführende Verwaltung gewährleistet wird.

Ohne wenigstens eine verbindliche Befristung der Datenübertragung in Hinblick auf das geplante Datenschutzrahmenabkommen festzusetzen, wird die noch in der letzten Parlamentsresolution als EU-rechtswidrig bezeichnete Massendatenweitergabe durchgewinkt. Damit finden ohne die inhaltliche Überprüfung einer Justizbehörde sensible Eingriffe in die Grundrechte vollkommen unbescholtener Bürgerinnen und Bürger statt. Gerade zu absurd und wohl auch rechtswidrig ist, dass nun ausgerechnet Europol als Genehmigungsbehörde für die Anfragen der US-Ermittler eingesetzt wird. Schließlich hat die europäische Polizeibehörde ein eigenes Interesse an den Auswertungsergebnissen."

Beschluss des Bundesvorstandes der GRÜNEN zu SWIFT