Grünes Blog Leipzig

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Party-Patriotismus ? – Ja. Aber. Nein.

Fanmeileberlin
Foto: Flickr SpreePIX-Berlin

Viel wird in diesen Tagen über den neuen Patriotismus geschrieben. Einen Party- Patriotismus, der das Land in Schwarz-Rot-Gold hüllt und angesichts des Sommers und der Erfolge der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in Südafrika die Sorgen vergessen lässt. Wie üblich profitieren davon die Regierenden: Das Missmanagement der Bundesregierung in den Bereichen Gesundheitspolitik, bei der Wahl des Bundespräsidenten oder bei den entscheidenden Fragen, wie angesichts einer Wirtschafts-, Finanz- und Klimakrise gerade auch die Kommunen in Deutschland vor dem finanziellen Ruin gerettet werden können, wird durch das Fußball-Großereignis in den Schatten gestellt. Es stellt sich also die Frage, ob nun schon wieder (wie 2006) das Land eine erneute Debatte über einen „Neuen Patriotismus“ benötigt wird oder ob es nicht sinnvoller wäre, die drängenden gesellschaftlichen Probleme mit Mut und sinnvollen Ideen anzupacken (was der derzeitigen Bundesregierung schlicht und ergreifend fehlt). Doch wie ist mit dem „Party-Patriotismus“ umzugehen?

Die Beiträge ossizilieren bei der beschriebenen Debatte zwischen einem neuen Wir-Gefühl und der dezidierten Ablehnung der Fußball-WM mit all ihren Begleiterscheinungen.
Es gibt nunmehr verschiedene Sichtweisen das Spektakel zu decodieren. Man könnte mit Sloterdijk fabulieren, dass es sich in Zeiten des Individualismus um die Sehnsucht nach einer Massenindentität handelt. Weniger philosophisch betrachtet wird in einigen Medien auch der unkomplizierte Umgang der Deutschen mit ihrem eigenen Land rezipiert. Hinterlegt wird das Ganze nun auch noch mit einem (zum wiederholten Male?) neuen Bild der Deutschen im Ausland (neue Leichtigkeit etc.).
Auf der anderen Seite wird diesem neuen nationalen Wir-Gefühl eine verbitterte Ablehnung zu Teil. Und zugegebenermaßen hat es etwas Verstörendes, wenn im Zuge des Sieges, Massen von Deutschen, gehüllt in „Schwarz-Rot-Geil“, die Straßen bevölkern und vor allem sich und irgendwie auch ihre Nation feiern.
Man muss nicht soweit gehen und hinter diesem Party-Patriotismus den  neuen Nationalismus vermuten und die damit einhergehende Abwertung von anderen Nationen und Gruppen. Auf der anderen Seite und das wird in der Debatte, die vor allem emotional betrieben wird, schnell deutlich, gibt es signifikante Hinweise darauf, dass es eben keinen Neuen Patriotismus gibt, sondern im neuen Gewand die alten Vorurteile stecken. So multikulturell wie sich die derzeitige deutsche Nationalmannschaft zusammensetzt – das muss man konstatieren – ist die Gesellschaft vor allem in ihren Köpfen beileibe noch nicht. Vielmehr werden in Zeiten der sozialen Kälte Vorurteile und innergesellschaftliche Abgrenzung zunehmend krasser. Das wird nach der Fußball-WM zu erheblicher Katerstimmung führen, wenn den Menschen bewusst wird, mit welchen immanenten Kürzungen sie gerade im Sozialbereich seitens der Regierungskoalition im Bund konfrontiert werden. Die Schere zwischen Arm und Reich wird sich noch weiter öffnen, als sie es eh schon ist.

Ist Nationalismus, selbst wenn er positiv konnotiert wäre, etwas positives (vor dem Hintergrund der angeblichen gesellschaftlichen Einigung während der Fußball-WM)? Angesichts des etymologischen Ursprungs des Wortes und der Historie, sowie dem Umstand dass es sich dabei letztlich nur um eine Gedankenkonstruktion handelt, wird man das bezweifeln müssen. Angesichts auch des Prozesses der europäischen Integration, wird man eher zur Ansicht gelangen, dass die Ära der Nationalstaaten zu Ende geht. Und das ist auch gut so.

Dennoch bleibt es unangemessen, jedweder Freude mit dezidierter Ablehnung entgegen zu treten.
Schließlich ist es ebenso möglich ein Fußballspiel als solches zu feiern. Mit der Freude über den Sieg der eigenen Mannschaft – und das muss nicht unbedingt die des eigenen Landes sein. Nur das übermäßige Zur-Schau-Stellen von Nationalsymbolen hat mitunter etwas Enervierendes und wird zu Recht von vielen auch als befremdlich wahrgenommen. Aber deswegen dem eigenen Land eine Ablehnung entgegenzubringen, ist gleichwohl kein reflektierter Umgang. Nicht jeder schließlich, der als Bekenntnis zur Mannschaft die entsprechenden Farben trägt, ist Verfechter des Nationalstaates oder möchte damit seinem Patriotismus Ausdruck verleihen. Manchmal ist es eben auch nur ein Spiel.

Am Ende kann konstatiert werden: Party ja, Patriotismus Nein.

Jürgen Kasek / Lorenz Bücklein