Roter Stern Leipzig, Einschätzungen und Perspektiven nach den Ereignissen des Wochenendes
Am Wochenende kam es in der Bezirksliga Sachsen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen von erheblichen Umfang als über 50, zum Teil vermummte Neonazis und Hooligans, Spieler und Fans des Fussballklubs Roter Stern Leipzig angriffen. Lesenswerte Zusammenfassungen gibt es unter anderen auf: Indymedia: zum BeitragLeipziger Internetzeitung: zum Beitrag Roter Stern Leipzig: zum Beitrag 11 Freunde: zum BeitragDer sächsische Fussball: Das die Ereignisse auch für den sächsischen Fussball, der leider berüchtigt ist für Zwischenfälle, eine neue Qualität darstellt, dürfte inzwischen bekannt sein. Entsprechend groß ist das mediale Interesse. Presseanfragen aus allen Teilen Deutschlands sind die Folge, was insofern auch zu begrüßen ist, da es hilft die Problematik wieder in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen. Ich habe heute Bilder zu den Ereignissen gesehen und muss sagen, dass es mich, obwohl ich für mich in Anspruch nehme, einiges gewohnt zu sein, erschüttert hat. Teile des Materials zeigen den gewalttätigen Mob aus allernächster Nähe, bewaffnet mit Baseballschläger, Zaunslatten mit Nägeln, Pflastersteinen und ähnlichem. Die ersten Personen aus der Tätergruppe wurden inzwischen identifiziert, siehe dazu auch http://de.indymedia.org Mehrere Personen wurden leicht verletzt, 3 Personen tragen Schwere Verletzungen.Dabei musste man davon ausgehen, dass es irgendwann zu einem Vorfall dieser Größenordnung kommt Bereits bei bisherigen Auswärtsspielen wurden die Sterne immer wieder Opfer von Pöbeleien, Anfeindungen und versuchten Attacken. Beim Blick auf die nächsten Auswärtsspiele sind weitere Vorkommnisse der genannten Art nicht nur nicht auszuschließen sondern naheliegend.Es scheint so zu sein, dass der RSL, als genuin antirassistischer Fussballklub, Projektionsfläche für eine Vielzahl von gewaltbereiten Chaoten geworden ist, in einem Teil von Sachsen, indem die Rechten längst Hegemonialmacht sind. Die in der Diskussion immer wieder benannten Angstzonen sind die Realität und Kennzeichnen das Versagen einer Landesregierung, die sich des Problems nach wie vor nur zögerlich annimmt.Erwartbare Gewaltchoreografie: Auch unter dem Gesichtspunkt Fussball war zu erwarten, dass unabhängig von dem politischen Hintergrund der Auseinandersetzungen, es irgendwann zu solchen Geschehnissen kommen würde. Bereits 2006 hat der Fanforscher Pilz darauf hingewiesen, dass sich die gewalttätigen Auseinandersetzungen zunehmend in untere Ligen verlagern und damit aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Ein entschiedenes Handeln seitens der Legislative und Exekutive lässt bis heute auf sich warten. Und besonders bedenklich erscheint in diesem Licht auch, dass der Angriff vorher bekannt war. Sowohl der FSV Brandis als auch die Polizei wussten was am vergangenen Sonnabend drohte. Das haben die Beteiligten inzwischen zugegeben. In einem Fussballforum im Internet finden sich Vorahnungen und nebulöse Andeutungen. Dennoch war offensichtlich niemand gewillt sich im Vorfeld des Problems anzunehmen.Das Problem heißt NeonazismusAuch wenn nun die Polizei verstärkt in unteren Ligen, zumindest bei entsprechender Gefahrenprognose vor Ort sein sollte, wird dadurch das Problem eines virulenten Rechtsextremismus nicht gelöst. Beispielhaft sei erwähnt, dass es am Wochenende allein im Bereich der Polizeidirektion Westsachsen zu mindestens 3 Angriffen oder versuchten Angriffen auf Nichtrechte durch Neonazis kam. Schwarz- Gelb, eine Koalition des SchreckensDass diese Entwicklung bedingt durch die neue Regierung sowohl auf Landes-, als auch auf Bundesebene an Dynamik gewinnen könnte sei noch erwähnt. Betrachtet man den Koalitionsvertrag auf beiden Ebenen, der nicht nur die Mittel zur Bekämpfung des Rechtsextremismus in Frage stellt und Rechts und Links, trotz eindeutig belegbarer Unterschiede im Bereich Quantität und Qualität gleichstellt, darf jedem halbwegs gebildeten Menschen Angst und Bange werden. Das zudem die Entsolidarisierung der Gesellschaft, lesenswert der Kommentar von Torsten Denkler in der SZ weiter vorangetrieben wird, wird zum Katalysator für eine Entwicklung an dessen Ende ein ausuferndes Krebsgeschwür der Menschenfeindlichkeit und damit der Abwertung von spezifischen Gruppen steht, welches zum manifesten Problem eines freiheitlich demokratischen Staates werden könnte und wird. Und letztlich noch ein Wort zur Kriminalstatistik: Nicht die Anzahl von Delikten hat zugenommen, die ist insgesamt sogar rückläufig, aber das Ausmaß an angewendeter Gewalt. Auch das hat der Sonnabend in beängstigender Art und Weise belegt. Das vor diesem Hintergrund, wie auch nach den Krawallen in Hamburg am 1. Mai des vergangenen Jahres, irgendwann die ersten Toten bei diesen Auseinandersetzungen folgen werden, erscheint dabei nur noch eine Frage von Monaten zu sein. Was nun zu tun istZunächst einmal gilt es, die Geschehnisse auszuwerten, die Versäumnisse klar zu benennen und die Täter zu stellen.Dabei sollten auch der Sächsische Fussballverband und der DFB miteinbezogen werden. Das Problem der mangelnden Fansozialarbeit muss erneut beleuchtet werden, auch in Leipzig. Von der Polizei ist eine kritische Aufarbeitung und eine zukünftiges Sicherheitskonzept zu erwarten. Die Justiz ist gefordert, die Täter schnell und konsequent zu bestrafen. Vor allem muss das Hauptaugenmerk auf den Bereich der Prävention gelegt werden. Die Mittel zur Stärkung der Zivilgesellschaft müssen erhöht, die Fansozialarbeit muss intensiviert, die Sensibilisierung von Vereinen muss vorangetrieben werden. Dabei ist es zwingend notwendig in eine breite Debatte über die Ursachen dieser Entwicklung einzusteigen. Dann und nur dann, werden die Medien irgendwann nicht den ersten Toten beweinen müssen.



