Volksdroge Alkohol – die bigotte Gesellschaft im Kreuzfeuer
30.12.2011
Anmerkungen zur Diskussion in Leipzig rund um Silvester
Am Umgang mit der Droge Alkohol wird die konfuse Verlogenheit der Gesellschaft in Bezug auf den Diskurs über Drogen deutlich. Während ein Großteil der Substanzen, welche rauschähnliche Zustände hervorrufen können durch das BtmG pönalisiert sind (etwa Tetrahydrocanabinol kurz THC) oder zunehmend eingeschränkt werden (Tabak) ist bei Alkohol weder die Tendenz zur Verfügungseinschränkung noch ein Zurückdrängen der Volksdroge Nummer eins erkennbar.
Nun mag es diejenigen geben, die hier stets mit der unterschiedlichen Gefährlichkeit der Substanzen argumentieren. Eine Argumentation die nicht recht überzeugen mag. Insbesondere im Vergleich der drei zuvor genannten Substanzen wird dies deutlich. Eine Abhängigkeit und negative Wechselwirkung bei Dauerkonsum sind bei allen drei Substanzen induziert.
Angesichts von mehr als 4 Mio. Menschen in Deutschland, die Alkohol regelmäßig missbrauchen, bei mehr als anderthalb Millionen Alkoholabhängigen und der Wechselwirkung etwa zur Aggressivität und der Anzahl an Straftaten, die unter Alkoholeinfluss begangen werden, angefangen bei Verkehrsdelikten bis hin zu Delikten die die körperliche Integrität betreffen, wird nicht deutlich warum ausgerechnet Alkohol keine weitergehende Einschränkung erfährt.
Auch ökonomisch (zynisch) betrachtet sollten die immensen Kosten im Gesundheitssystem, die durch Alkoholmissbrauch entstehen nicht außer Acht gelassen werden. Dennoch wird gerade bei Alkohol immer noch davon schwadroniert, dass der verantwortungsvolle Umgang geradezu vorgelebt werde. Angesichts der Fallzahlen ist dies der blanke Hohn. Dazu kommt, dass für viele Menschen, die nicht aus Deutschland kommen, der Umgang mit Alkohol in Deutschland geradezu grotesk anmutet.
Zustand Leipzig:
Dabei sind die negativen Folgewirkungen auch in Leipzig weithin sichtbar. Seien es die vielen so genannten Trinkstellen in der Stadt, meist in der Nähe von Alkoholverkaufstellen zu finden, die von einem Teil der Gesellschaft als Unsicherheitsfaktor gesehen werden und damit negative Auswirkungen auf das Wohnumfeld zeitigen können, als auch die oben genannten gerade unter Alkoholeinfluss begangenen Straftaten.
Dabei sind unter Alkoholeinfluss begangenen Straftaten und Trinkstellen scharf voneinander zu trennen. Keinesfalls sollte der Eindruck entstehen, dass Orte an denen sich Menschen in geselliger Runde treffen und Alkohol konsumieren per se gefährlich sind. Denn einen Nachweis im Sinne einer signifikanten Korrelation zwischen Straftaten und Trinkstellen gibt es nicht.
Dennoch erfahren die Menschen, die sich aus welchen Gründen auch immer in der Öffentlichkeit zum Trinken treffen und weitgehend als Randerscheinungen wahrgenommen und gemeinhin so behandelt werden, eine gesellschaftliche Ächtung.
Ganz anders hingegen wenn das Trinken im sozial adäquaten Rahmen stattfindet, auf Volksfesten, in Gaststuben, auf Feiern. Auch hier zeigt sich wieder die Hybris der Gesellschaft, die das eine Besäufnis als kulturelles Brauchtum feiert und auch gelegentliches Über-die-Strenge-schlagen noch als Kulturgut goutiert und auf der andere Seite das öffentliche Betrinken verdammt.
Die Gründe für letzteres liegen dabei auf der Hand. Zum einen wird das Konsumklima negativ beeinflusst, wie etwa die CDU Leipzig in ihrem Antrag feststellt, zum anderen die Beeinträchtigung des Sicherheitsempfindens, die scheinbar die Notwendigkeit zum Handeln erzeugt. Getroffen werden damit, und das bringt die CDU in geradezu vorbildlicher Klarheit zum Ausdruck, primär gesellschaftliche Randgruppen bzw. Subkulturen. Nicht das Problem soll gelöst werden sondern die Störer sollen verschwinden. Die Logik dahinter ist die Logik einer zunehmenden Segregation der Stadtgesellschaft.
Interessant ist zudem die Diskussion um das Verbot des Verkaufs von Alkohol am Connewitzer Kreuz. Auch hier funktioniert die Logik Alkohol plus alternativ geprägter Stadtteil zuzüglich entsprechende empirische Daten (Auseinandersetzung in der Vergangenheit) gleich Gefahr, einwandfrei.
Weitere Parameter, die zu den Krawallen der Vergangenheit geführt haben, müssen bei dieser denkbar einfachen Lösung nicht mehr bedacht werden (etwa die Rolle der Polizei oder Presse) und sind daher zu vernachlässigen. Gleichzeitig wird die Sehnsucht nach möglichst einfachen Antworten auf komplexe Probleme mehr als deutlich. Eine Vereinfachung, die in sich den Keim weiterer gesellschaftlicher Verwerfung trägt und nicht zur Problemlösung taugt.
Behandeln der Symptome und Scheinlösungen
Gerade die Kommunalpolitik ist mit dem Problem des massenhaften Alkoholkonsums konfrontiert und soll Lösungen präsentieren, die es faktisch auf kommunaler Ebene nicht oder kaum geben kann. Das Betäubungsmittelgesetz wird schließlich auf Bundesebene geändert.
Klassische Versuche, der Probleme Herr zu werden, sind Alkoholverbotszonen in den Innenstädten, die in der Vergangenheit massenhaft durch die Verwaltungsgerichte aufgehoben wurden, bis hin zu dem Verbot des Straßenverkaufs in einem bestimmten Gebiet, etwa in Dresden Neustadt und Magdeburg Hasselbachplatz angewandt. Gelöst wird im ersten Fall nicht ansatzweise das Problem, sondern lediglich eine Verdrängung in umgebende Quartiere findet statt.
In Leipzig-Grünau wurde versucht das Problem zu kontrollieren und in den Griff zu bekommen, indem Sitzgelegenheit abmontiert wurden mit dem naheliegenden Erfolg, dass die Personengruppe hundert Meter weiter auf einen Spielplatz zog.
Wer versucht Alkoholmissbrauch durch Verdrängung Herr zu werden, beweißt damit einen erstaunlich übersichtlich gestalteten Horizont und negiert die Komplexität des Problems.
Eine erfolgversprechendere Alternative wäre der Versuch die Verfügbarkeit deutlich einzuschränken. Entweder mittels Erhöhung der Kosten und eines staatlich reglementierten Verkaufs – skandinavisches Modell – oder zumindest über eine deutliche Einschränkung der Werbung. Warum zum Teil auch vor Kinderfilmen in den Kinos Bierwerbung läuft ist schließlich nicht ersichtlich.
Allein diese Diskussion wird nicht geführt.
Bei der Behandlung der Symptome erscheint hingegen der Versuch das Problem mittels einer sozialen Intervention, über Streetworker, zu versuchen erfolgversprechender zu sein. Das Projekt „Aufsuchende Straßensozialarbeit“ mit Alkoholabhängigen Erwachsenen, welches lokal begrenzt bislang im Westen Leipzigs eingesetzt wurde, hat hier eine hervorragende Bilanz vorgelegt. Angefangen dadurch, dass die Anzahl der Beschwerden zurückging, als auch die Sauberkeit erhöht werden konnte, bis dahin, dass es einzelnen Trinkern gelang sich wieder komplett in die Gesellschaft, ergo strukturierter Tagesablauf, Job, etc, zu integrieren. Letzteres trifft dabei keine Aussage darüber, inwieweit dies überhaupt notwendig ist.
Konstatiert werden konnten ein Rückgang der Kriminalitätsfurcht und damit eine Aufwertung der Quartiere. Die Vorlage im Leipziger Stadtrat, die vorsah diesen Ansatz auf weitere Quartiere auszuweiten, wurde dank (Ironie!) Intervention der SPD als wachsweicher Prüfauftrag abgestimmt, der zunächst keine direkten Konsequenzen hat.
Den Diskurs ehrlich führen
Den Diskurs ehrlich zu führen heißt zunächst die Rolle von Drogen für die Gesellschaft anzuerkennen. Ob eine Gesellschaft ohne Drogen und damit auch ohne „Uppers und Downers“ und ohne Koffeein, Teein, Schokolade und anderen suchtbringenden Substanzen möglich wäre, darf aufgrund der Kulturgeschichte ernstlich bezweifelt werden. Dass eine prohibitive Strategie erfolgreich sein könnte, ist dabei durch zahlreiche Beispiele widerlegt.
Den Diskurs ehrlich zu führen bedeutet auch, die Unterscheidung der Stoffe anhand von objektiven Kriterien zu bestimmen und nicht anhand der Kulturgeschichte. Die Unterscheidung von Alkohol, Tabak und THC zwischen erlaubt, eingeschränkt erlaubt und verboten findet jedenfalls keine logisch, wissenschaftlich fundierte Grundlage.
Wenn man nun den übermäßigen Konsum als Problem erkennt, gilt es beim Konsum selbst anzusetzen und damit beim Konsumenten. Vielfach bewiesen ist, dass negative Anreize eine starke Lenkungswirkung entfalten. Über diese wird freilich nicht ernstlich nachgedacht.
Was bleibt ist die Erkenntnis, dass auch und gerade Kommunalpolitiker hervorragend in der Disziplin sind, selbst geschürte Ängste symbolisch zu lösen.
Für Leipzig bedeutet das zunächst folgendes:
Von dem hilflosen Versuch Alkoholverbotszonen zu errichten sollte Abstand genommen werden. Das Geld, das für die Kontrollen aufgewendet werden müsste – nur mit einer engmaschigen Kontrolle würde es überhaupt zu einer Verdrängung kommen – sollte sinnvoller in die Instrumente soziale Intervention oder frühzeitige Prävention angelegt werden.
Für Silvester bleibt festzustellen, dass Auseinandersetzungen in der Silvesternacht nicht räumlich begrenzt stattfinden, sondern überall da, wo viele Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen aufeinandertreffen. Alkohol kann dabei ein Katalysator für vorhandene Aggressionen sein. Alkohol ist nicht der einzige Grund für Auseinandersetzungen. Wer deshalb einen lokal begrenzten Alkoholverkauf das Wort redet, sollte wenigstens so konsequent sein und gleich den Konsum im öffentlichen Raum verbieten und das im Stadtgebiet. Aber Silvester auf der Straße und ganz ohne Alkohol, wer will das schon? Womit wir wieder bei der Bigotterie der Gesellschaft wären.
Autor: Jürgen Kasek
Lektor: Carolin Waegner

